Diamant-Atlas verrät Glitzerschätze in der Tiefe
29. Juli 2010 von Der Stein
Diamanten faszinieren nicht nur, weil sie zu Brillanten geschliffen werden können, geheimnisvoll funkeln und das härteste Mineral sind. Vor allem ihre Seltenheit macht sie begehrt – und teuer. Deswegen fahnden Schürfkonzerne weltweit nach neuen Vorkommen.
Bei ihrer Suche bekommen die Unternehmen nun Hilfe von der Wissenschaft, auch wenn sie dafür sehr langfristig planen müssen.
Denn Diamanten gelangen bei Explosionen an die Erdoberfläche – wenn Magma, das zahllose Edelsteine enthält, aus dem Boden schießt. Die Geschosse werden von Gas in die Höhe getrieben, genauso wie von Menschen konstruierte Raketen.
Zwar wurde die Entstehung eines Diamantschatzes noch nie direkt beobachtet. Allerdings zeigen geologische Ablagerungen, wie sich die Vorkommen bilden: Diamanten stecken meist in mächtigen Säulen aus Magmagestein, sogenannten Kimberlit-Schloten. Forscher schließen daraus, dass die Bodenschätze bei kleinen vulkanischen Explosionen entstanden sind: Kommt Magma in großer Tiefe mit Wasser in Kontakt, kann es mit Diamanten im Gepäck aus dem Boden schießen – so die Theorie.
Bislang glaubten Wissenschaftler, solche Schlote aus flüssigem Gestein könnten überall aus der Erde platzen. Doch nun können Geoforscher die Regionen eingrenzen – und vorhersagen, wo die nächsten lukrativen Magmaraketen zu erwarten sind.
Das Team um Trond Torsvik von der Universität Oslo und Bernhard Steinberger vom Geoforschungszentrum Potsdam hat Gebiete identifiziert, wo solche Explosionen zu erwarten sind. Dafür haben sie die Verschiebung der Erdplatten rekonstruiert. Das Modell haben sie im Wissenschaftsblatt "Nature" vorgestellt.
Die Forscher konnten damit zeigen, dass Diamanten an den immer gleichen Orten aus der Tiefe steigen. Die Erdplatten driften über sie hinweg. So kommen im Laufe der Erdgeschichte immer wieder andere Kontinente in den Genuss der Diamantlieferung aus der Tiefe.
Schweißbrenner unter Afrika
Derzeit liegen Afrika und der Pazifik über den Edelstein-Spendern: Unter beiden Regionen befindet sich mehr Magma als anderswo. Die Beobachtung von Erdbebenwellen hilft bei der Suche. Sie verlangsamen sich in diesen Regionen in der Tiefe – ein klarer Hinweis auf geschmolzenes Gestein.
An den Rändern dieser Magmazonen in rund 2900 Kilometern Tiefe steigt das flüssige Gestein in Säulen auf. Wie Kerzen auf einem Geburtstagskuchen umsäumen die Schlote die Magmaquelle.
Unter der Erdoberfläche wirkt das Magma dann wie ein Schweißbrenner: Es schneidet Löcher in die Gesteinskruste der sich darüber bewegenden Kontinentalplatten, Vulkane entstehen.
Diese Magmaschlote werden allerdings nur zu Diamantschleudern, wenn dicke Erdkruste sie zunächst blockierte, erklärt Steinberger. Vor allem unter alten Kontinenten, sogenannten Kratonen, können sich Diamanten im Magma anreichern. Damit es zur Edelsteinförderung kommt, muss sich der Untergrund zudem extrem aufheizen. Es dürfen also keine Vulkane in der Nähe sein, die Hitze kontinuierlich ableiten.
Diamant-Explosionen jederzeit möglich
Die Geoforscher um Torsvik und Steinberger konnten die Entstehung der meisten Diamantreservoire erklären, indem sie die Bewegungen der Erdplatten zurückverfolgten. Demnach waren meist Magma-Schneidbrenner unter dem heutigen Afrika für die Bildung der Lagerstätten verantwortlich (siehe Karten oben).
Dieselbe Magmaquelle liefert aber auch die Vorkommen, die heute in Südamerika gefunden werden. Eine Folge der Plattenverschiebung, denn vor Jahrmillionen driftete Südamerika über die Region, wo heute Afrika liegt.
Ähnliches passiert auch in andere Regionen. Die Magmaschlote unter dem Pazifik etwa erzeugten die reichhaltigen Diamantvorräte in Kanada: Das Land schob sich vor mehr als 500 Millionen Jahren über die pazifische Magmazone.
Aus Satellitenmessungen der Plattenbewegungen ließe sich ableiten, wo künftige Diamantvorräte entstünden, sagt Steinberger. "Als größter Favorit gelten Nordafrika und Westafrika", so der Geoforscher. Dort könnten jederzeit Magmageschosse mit Diamanten aus dem Boden emporsteigen.
Südafrika jedoch, wo die größten Vorkommen liegen, habe sich von den Magmaschloten mittlerweile zu weit entfernt und ist vom Nachschub an wertvollem Magma abgeschnitten. In einigen Millionen Jahren werden der Studie zufolge auch Nordaustralien und der Westen Südamerikas mit Diamanten aus der Tiefe beliefert. Beide Kontinente, sagt Steinberger, bewegten sich unaufhaltsam in Richtung der pazifischen Magmaschlote.
Ob das den heutigen Diamantsuchern weiterhilft, ist allerdings fraglich. Dafür müssten sie schon sehr weit in die Zukunft planen.
Quelle: http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,706553,00.html
